Welche Besonderheiten für Menschen mit Behinderungen bei Bahnreisen gelten und wie sie sicher und zuverlässig ans Ziel kommen erfährst du hier. Bei der Reiseplanung sollten ein paar Punkte beachtet werden.

Unterschiede zwischen Regional- und Fernverkehr

Bahn fahrt in Bahnhof ein

Bahnverkehr wird in Nahverkehr (auch Regionalverkehr genannt) und Fernverkehr unterteilt – Verkehrsmittel aus dem ÖPNV wie beispielsweise S- und U-Bahnen lassen wir hier außen vor, für sie gelten aber grundsätzlich dieselben Bedingungen wie für den Nahverkehr. Zum Nahverkehr gehören Zugtypen wie Regional Express (RE), Interregio Express (IRE) und Regionalbahn (RB), zudem gibt es eine Reihe privater Eisenbahngesellschaften wie den Metronom, Arriva, die Nord-Ostsee-Bahn oder die ODEG.
Im Fernverkehr werden Zugtypen wie Intercity Express (ICE), Intercity (IC), Eurocity (EC) und weitere eingesetzt. Schon in der Fahrplanauskunft wird angezeigt, um welches Produkt es sich handelt.

Ein- und Ausstieg in die jeweiligen Züge

Während viele Nahverkehrszüge inzwischen bordseitige Rampen besitzen, die vom Zugpersonal bedient werden können, gibt es im Fernverkehr bislang praktisch keine Einstiegshilfen an Bord. Das wird sich mit dem ICE 4 ändern, bis zu seiner flächendeckenden Einführung werden aber noch einige Jahre vergehen. In andere Züge gelangen Rollstuhlfahrer mittels eines Hublifts, der an den jeweiligen Bahnhöfen stationiert ist und vom Bahnhofspersonal bedient wird. Allerdings stehen diese nicht an allen Bahnhöfen zur Verfügung – gerade in ländlichen Regionen kann es vorkommen, dass ein Ein- oder Ausstieg an kleinen Bahnhöfen nicht möglich ist, weil beispielsweise kein Personal vor Ort oder kein Hublift stationiert ist. Meist liegt das an den in Deutschland unterschiedlichen Bahnsteighöhen, die auch im Regionalverkehr problematisch sein können.

Also: Im Nahverkehr ist ein Einstieg häufig ohne Hilfe oder mit Bordmitteln möglich, im Fernverkehr bislang meist nicht.

Toiletten an Bord

Alle Züge mit Rollstuhl-Stellplatz haben auch eine oder mehrere rollstuhlgerechte Toiletten an Bord. Ob sie zur benötigten Zeit gerade frei ist, ist natürlich eine andere Sache. Sollte sie defekt sein, warnt der Mobilitätsservice rechtzeitig vor. Zugegebenermaßen sind in einigen Fällen aber akrobatische Fähigkeiten nicht von Nachteil – zum einen, weil die Hygiene der Mitreisenden bisweilen zu wünschen übrig lässt, zum anderen, weil Züge ihrem Naturell entsprechend eben in Bewegung sind. Meist auch dann, wenn gerade jemand das stille Örtchen besucht.

Toiletten gibt es also fast immer. Die Mitnahme von Desinfektionstüchern ist aber grundsätzlich empfehlenswert.

Preise

Auch hier wird zwischen Nah- und Fernverkehr unterschieden – und es gibt zwei unterschiedliche Vergünstigungen, die kombinierbar sind, wenn die Voraussetzungen vorliegen.

Wer einen Schwerbehindertenausweis besitzt und dafür eine gültige Wertmarke vom zuständigen Versorgungsamt bekommen hat, reist im Regionalverkehr grundsätzlich kostenfrei und muss kein Ticket kaufen. Im Fernverkehr hingegen wird der reguläre Fahrkartenpreis fällig.

Wer im Schwerbehindertenausweis das Merkmal “B” eingetragen hat, kann sowohl im Nah- als auch im Fernverkehr kostenlos eine Begleitperson (oder einen Begleithund) mitnehmen. Komplizierter wird es bei Fahrten ins Ausland: nicht alle Nachbarländer gewähren diese Vergünstigung, faktisch allerdings alle an Deutschland grenzenden EU-Länder außer Polen. Hierfür muss das Reisezentrum der Deutschen Bahn in Deutschland eine Freikarte für die Begleitperson ausstellen, die ab der Grenze bis an den Zielort und zurück gilt. Für Fahrten innerhalb der Nachbarländer gibt es keine Vergünstigungen. Seit diesem Jahr gilt diese Regelung übrigens nicht mehr ausschließlich für Rollstuhlfahrer, sondern für alle Inhaber eines Ausweises mit Merkmal „B“ – aber nicht in allen Ländern. Auskunft erteilen hierzu das Reisezentrum oder die Mobilitätszentrale.

Kurz: Mit dem “B” im Schwerbehindertenausweis fahren Begleitpersonen (oder Begleithunde) überall in Deutschland kostenlos mit, manchmal auch im Ausland.

Mobilitätszentrale als Anlaufstelle für Information und Reservierung

Für Menschen mit Behinderungen hat die Deutsche Bahn die Mobilitätszentrale eingerichtet. Hier können sich Reisende informieren lassen, wie sie ihr gewünschtes Ziel am besten erreichen. Es wird dabei auch geprüft, welche Verkehrsmittel geeignet sind und ob die Bahnhöfe barrierefrei sind, damit Reisende nicht plötzlich vor einer Treppe stehen. Zudem können hier Fahrkarten gekauft und Sitzplätze reserviert werden – Rollstuhl-Stellplätze können übrigens ausschließlich über die Mobilitätszentrale reserviert werden! Zudem meldet die Mobilitätszentrale die benötigten Hilfeleistungen beim Ein- und Ausstieg bzw. beim Umstieg an und informiert die jeweiligen Bahnhöfe sowie das Zugpersonal. Zum Schluss wird ein Treffpunkt zwischen den Reisenden und dem Service-Personal vereinbart sowie die Zeit des Treffens, damit alles reibungslos funktionieren kann. Sollten sich spontane Änderungen ergeben, durch die es zu Problemen auf der Reise kommen kann, werden die Kunden zudem telefonisch informiert, und es werden Alternativen ausgearbeitet. Es wird also eine ganze Reihe an Leistungen angeboten – gebucht werden sie wahlweise telefonisch unter 0180 6 512 512, per Fax unter 0180 5 159 357 oder kostenfrei per Online-Formular. Um sicherzugehen, dass alles klappt, sollte die Anmeldung bis am Vorabend der geplanten Reise um 20 Uhr erfolgen.

Fazit: Im Zweifelsfall lohnt ein Anruf bei der Mobilitätszentrale oder ein Besuch im Reisezentrum immer, um auf der sicheren Seite zu sein.

Soviel zur Theorie – funktioniert das denn auch?

Der oben beschriebene Zustand ist der Idealzustand. In der Praxis klappt das meistens auch ganz gut – einige Male blieb unser Anliegen offenbar an irgendeiner Stelle hängen und landete nicht beim Empfänger, sodass wir irritierte Blicke am Schalter ernteten. Eine Lösung hat sich aber noch immer gefunden, denn letztlich hat niemand Interesse daran, dass Passagiere irgendwo stranden. In den letzten Jahren haben wir mehr als 50.000 Kilometer mit der Bahn zurückgelegt und könnten vermutlich Romanbände mit den Erlebnissen füllen, positiv wie negativ. Am Ziel sind wir aber noch immer angekommen. Und das in der Regel schneller und entspannter als mit dem Auto.

 

Checkliste: 5 Schritte zur entspannten Bahnfahrt

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1. Strecke aussuchen und ausreichend Zeitpuffer bei Umstiegen einplanen

Lieber an einem Umstiegsbahnhof entspannt einen Kaffee trinken, als abgehetzt vor überfüllten Fahrstühlen stehen.

2. Mobilitätsservice kontaktieren und Fahrtwunsch mitteilen

Bei Problemen bespricht die Mobilitätszentrale Alternativen zu den gewünschten Fahrtstrecken und bietet Hilfestellung.

3. Lektüre, Getränke und Verpflegung einpacken

Es gibt zwar WLAN an Bord, aber das ist nicht immer durchgängig verfügbar. Lieber ein Buch oder eine Zeitung schnappen – oder aus dem Fenster schauen und abschalten. Essen und Getränke sind zudem an Bahnhöfen und an Bord nicht gerade als Schnäppchen zu bezeichnen.

4. Papiere nicht vergessen!

Ticket und Schwerbehindertenausweis griffbereit halten und nicht unbedingt ins unterste Kofferfach packen.

5. Rechtzeitig am Bahnhof sein

Stressfrei reisen – ein wenig haben Reisende das selbst in der Hand. Wer schon abgehetzt am Bahnhof ankommt, wird meist auch auf der Reise dünnhäutiger auf andere Eventualitäten und Begleiterscheinungen wie unliebsame Mitreisende oder Verspätungen reagieren – und so dreht sich die Spirale weiter. Also lieber pünktlich aufkreuzen und entspannen. Auf den Rest haben Passagiere sowieso keinen Einfluss – egal ob nerviger Mitfahrer oder Zugausfälle.

 

Über den Autor

Timo Hermann © Melanie Wehnert

Timo Hermann ist Reiseblogger, Reisefotograf und Berater rund um barrierefreies Reisen. Mit seiner Frau Adina, selbst Rollstuhlfahrerin, bereist er die Welt und schreibt darüber im Reiseblog http://mobilista.eu – zudem ist er beim SOZIALHELDEN e.V. als Projektleiter für http://Travelable.info zuständig, wo es um barrierefreies Reisen und Ausflüge in deutschen Städten geht.

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