Wir von GoEuro haben einen bemerkenswerten Menschen gefragt, ob er seine Erfahrungen zum Thema “Flugreisen für Menschen mit Behinderung” sowie ein paar nützliche Tipps mit uns teilen will. Kamil Kowalewicz, Co-Autor des polnischen Blogs “Wir reisen auf zwei Beinen und vier Rädern” hat selber eine Behinderung, reist viel und hat dabei jede Menge Spaß. Im folgenden Text verrät er, worauf man achten muss, wenn man eine Flugreise mit einer Person mit einer Behinderung plant.

Kamil Kowalewicz für GoEuro: Das Flugzeug ist eines der schnellsten und bequemsten Beförderungsmittel, auch für Menschen mit Behinderung. Um die Reise möglichst angenehm zu gestalten, muss man als behinderte Person ein paar wichtige Dinge im Auge behalten. Ich werde versuchen, euch ein paar Tipps für Flugreisen zu geben, damit diese für euch ohne unangenehme Überraschungen ablaufen.

Was muss man bei der Planung beachten?

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Ich höre oft Klagen, dass eine Fluggesellschaft bei der angemessenen Betreuung von behinderten Personen versagt hat. Tatsächlich ist es jedoch so, dass die Fluggesellschaften nur die Flughafenmitarbeiter darüber informieren, dass Personen mit Behinderung mit ihnen reisen werden. Die eigentliche Hilfe kommt also vom Flughafenpersonal. Dies ist praktisch auf der ganzen Welt der Fall und es kann nützlich sein, sich im Fall von Problemen daran zu erinnern.

Außerdem sollte man beachten, dass die Zahl der Menschen mit Behinderungen in einem Flugzeug beschränkt sein kann. Grund dafür sind Sicherheitsbestimmungen zur Sicherheit der Passagiere. Die Zahl ist je nach Fluggesellschaft unterschiedlich. Wenn ihr also eine Gruppenreise für Menschen mit Behinderungen plant, solltet ihr die jeweilige Fluggesellschaft kontaktieren.

Denkt daran, dass an jedem Flughafen Fahrstühle, spezielle Hilfe sowie geeignete Räumlichkeiten für Personen mit Behinderungen vorhanden sein müssen. Dies wird durch internationales Recht sichergestellt. Außerdem sind Personen mit Behinderung bei 99% der Fluggesellschaften zum Transport von bis zu zwei Rollstühlen berechtigt.

Hilfsperson am Flughafen

Tickets, die der Airline eure Behinderung anzeigen

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Die meisten Fluggesellschaften bieten bei der Buchung eines Tickets verschiedene Arten der Hilfeleistung an. Diese werden durch internationale Codes angezeigt, die weltweit verstanden werden. Daher sollte man sich diesen vertraut machen und sich den passenden Code für benötigte Hilfe einzuprägen. Es ist wichtig, Flughafen und Fluggesellschaft den entsprechenden Code mindestens 48 Stunden vor der geplanten Reise mitzuteilen. Falls sowohl beim Hin- als auch beim Rückflug Hilfe benötigt wird, sollte man diese gleich für beide Teile der Reise beantragen. Die einzelnen Codes lauten wie folgt:

Code Bedeutung
WCHR> (Rollstuhl Rampe)

Dieser Code gilt für Menschen, die Hilfe benötigen, um durch den Flughafen bis zum Flugsteig zu kommen. Eine Hilfskraft begleitet sie vom Eingang des Flughafens bis zur Flugzeugtüre. Von da an müssen sie selbstständig weiterkommen. Dieser Code ist für Personen, die Schwierigkeiten beim Gehen haben und im Flughafen einen Rollstuhl brauchen, aber in der Lage sind, im Flugzeug ein paar Schritte zu gehen und selber zu ihrem Platz zu kommen.

WCHC (Rollstuhl Kabine)

Dieser Code wird von Menschen mit Behinderungen am häufigsten verwendet. Er gilt für Menschen, die Hilfe benötigen, um durch den Flughafen und bis zu ihrem Platz im Flugzeug zu kommen. Die Hilfe endet daher nicht an der Schwelle des Flugzeugeingangs, sondern erst, wenn sich die behinderte Person an ihrem Platz im Flugzeug befindet. Diese Art von Hilfe wird von Menschen verwendet, die nicht selbstständig gehen können. Bei dieser Art der Unterstützung kann man den eigenen oder einen vom Flughafen bereitgestellten Rollstuhl nutzen und damit bis zum Flugzeug fahren. Beim Einsteigen wird man jedoch auf einen speziellen Onboard-Rollstuhl umgesetzt (dabei gibt es Unterstützung vom Hilfspersonal).

Für Menschen mit Rollstühlen gibt es dabei folgende Codes: WCBD (Rollstuhl mit Trockenzellen-Batterie), WCBW (Rollstuhl mit Nasszellen-Batterie) und WCMP (Rollstuhl ohne Batterie).

WCHS (Rollstuhl oberhalb Stufen)

Der Code bedeutet ähnliche Hilfestellung wie bei WCHR, mit der Ausnahme, dass man bei WCHS Unterstützung bei der Eingangstreppe zum Flugzeug bekommt (falls es keine Fluggastbrücke gibt). Nach der Treppe muss man das Flugzeug selbstständig betreten. Es werden keine besonderen Hilfsmittel bereitgestellt (z.B. kein spezieller Onboard-Rollstuhl).

BLND (blind)

Der Code gilt für blinde Menschen, die Hilfe brauchen, um durch das Terminal bis zu ihrem Platz an Bord des Flugzeugs zu kommen. In einem solchen Fall gewährt auch das Kabinenpersonal besondere Sicherheitsvorkehrungen während des Fluges.

BDGR

Dieser Code gilt ebenfalls für Menschen, die blind sind und mit einem Blindenhund reisen. Die Fluggäste benötigen Hilfeleistungen wie bei BLND.

 PETC

Diese Klassifizierung betrifft blinde Passagiere mit Blindenhund, die keine zusätzliche, besondere Unterstützung benötigen.

 BLDP

Der Code betrifft blinde oder sehbehinderte Personen ohne Blindenhund oder Begleiter, die keine besondere Hilfe benötigen. Obwohl die Unterstützung nicht erforderlich ist, erleichtert dieser Code die Unterstützung der betreffenden Passagiere im Notfall.

DPNA

Diese Kennzeichnung gilt bei Menschen mit geistiger Behinderung (Entwicklungsstörungen, Demenz, Alzheimer oder Down-Syndrom), die in der Lage sind, Sicherheitsinstruktionen zu verstehen oder angemessen auf sie zu reagieren. Die Person bekommt Hilfestellung vom Terminal bis zum Gate vor dem Betreten des Flugzeugs.

 DEAF Dieser Code gilt für Fluggäste, welche vollständig taub sind und besondere Sicherheitsinstruktionen an Bord des Flugzeugs benötigen. Der Fahrgast kann den Weg durch den Flughafen bis zu seinem Platz im Flugzeug selbstständig zurücklegen.
 OXYG  

Dieser Code ist für Fluggäste, die während des Fluges zusätzlichen Sauerstoff benötigen. Da diese Art der Hilfestellung komplizierter als andere ist, muss sie mindestens 7 Tage vor dem geplanten Flug angemeldet werden. Ich würde jedoch empfehlen, die betreffende Fluggesellschaft schon vor dem Kauf des Tickets zu kontaktieren, um unnötige Komplikationen zu vermeiden.

Das Check-in am Flughafen

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Wir kaufen uns also ein Ticket, geben den entsprechenden Code an, damit wir die benötigte Hilfe bekommen und begeben uns am Tag des Abflugs zum Flughafen. Dabei solltet ihr beachten, dass man als Person mit Behinderung ein wenig früher am Flughafen sein sollte, damit die Hilfskräfte genügend Zeit haben, unseren Komfort und Sicherheit sicherzustellen. Schauen wir uns also nun Schritt für Schritt an, wie die Hilfestellung am Flughafen (im Fall von Code WCHC) aussieht.

  1. 1. Wir gehen zum Check-In. Auch hier sollten wir nicht vergessen zu erwähnen, dass wir Hilfe brauchen.
  2. 2. Nun begeben wir uns zum Hilfe-Schalter des Flughafens (gekennzeichnet durch das internationale Zeichen für Personen mit Behinderung). Dort erhalten wir Unterstützung vom Hilfspersonal und die Fahrt durchs Terminal kann losgehen.
  3. 3. Wir gehen ohne Warteschlangen zum Sicherheitscheck. Die Hilfsperson unterstützt uns bei der Kontrolle.
  4. 4. Nach dem Sicherheitscheck gehen wir mit der Hilfsperson zum Gate. Jetzt kommt es darauf an, ob es eine Fluggastbrücke zum Flugzeug gibt oder nicht. Im ersten Fall benutzen wir die Brücke bis zum Eingang des Flugzeugs, von wo wir auf einen Bord-Rollstuhl zu unserem Platz gebracht werden (dabei bekommen wir natürlich auch Hilfe). Falls es keine Fluggastbrücke gibt, wird ein spezieller Lift mit einer versenkbaren Rampe (Ambulift) eingesetzt um die Person mit Behinderung an Bord zu bringen. Von dort an ist der Prozess der gleiche, wir werden auf einen Bord-Rollstuhl umgesetzt und zu unserem Platz gebracht.

Beim Einstieg ins Flugzeug werden Personen mit Behinderung zuerst an Bord gebracht, beim Aussteigen gehen sie zuletzt von Bord. Dies geschieht, damit die Hilfspersonen nicht von anderen Passagieren behindert werden.

Reservierte Sitze für Menschen mit Behinderungen am Flughafen

Menschen mit Behinderung an Bord des Flugzeugs

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Sobald wir im Flugzeug sitzen, endet die Hilfestellung durch das Flughafenpersonal und die Crew des Flugzeugs übernimmt. Was können Menschen mit Behinderung hier erwarten? Grundsätzlich wird nur im Notfall Hilfe gewährt. Das Flugpersonal ist nicht verpflichtet, einer behinderten Person auf die Toilette oder bei der Fortbewegung im Flugzeug zu helfen. Trotzdem kann es sich lohnen, um Hilfe zu fragen, falls man welche braucht. Auf jeden Fall sollte aber eine Notsituation gemeldet werden.

Man sollte daran denken, dass es auf Langstreckenflügen einen Klapprollstuhl gibt (ähnlich dem, mit dem wir das Flugzeug betreten haben), der uns vom Flugpersonal zur Verfügung gestellt wird.

5 Dinge, an die eine behinderte Person denken sollte!

  1. 1. Beim Kauf eines Flugtickets immer den entsprechenden Code angeben und im Zweifelsfall die Fluggesellschaft kontaktieren.
  2. 2. Seid etwas früher am Flughafen, damit es für das Hilfspersonal einfacher ist, euch zu helfen.
  3. 3. Nach internationalem Recht muss das Flughafenpersonal jeder Person mit einer Behinderung auf angemessene Weise helfen.
  4. 4. Auf dem Weg zum Flugzeug habt ihr das Recht euren Rollstuhl oder einen des Flughafens zu benutzen
  5. 5. Auf dem ganzen Weg durch den Flughafen bis an Bord des Flugzeugs habt ihr das Recht, von einer Person begleitet zu werden, die euch während der Reise hilft. Dieses Recht kann euch nicht verwehrt werden.

Viele Menschen mit Behinderung sind besorgt, dass ihr Rollstuhl verloren gehen könnte (so wie das oft mit Gepäck passiert). Nach meiner Erfahrung kommt dies jedoch so gut wie nie vor, weil euer Rollstuhl nicht als Standard-Gepäck aufgegeben wird. Ihr verlasst ihn erst beim Betreten des Flugzeugs und er wird dann vom Hilfspersonal sicher im Laderaum des Flugzeugs verstaut. Glaubt mir, die Folgen des Verlustes oder der Beschädigung eines Rollstuhls wiegen schwer. Flughäfen und Fluggesellschaften wollen dies also so weit wie möglich vermeiden. Es ist, als ob während eines Fluges bei einem Passagier ohne Behinderung plötzlich die Beine verschwinden würden und er ohne sie ankommt… Wäre seltsam, oder? Daher kommt der Verlust eines Rollstuhls praktisch nicht vor.

Schließlich möchte ich euch nochmals an eine Sache erinnern, die meiner Meinung nach die wichtigste ist: Denkt daran, den eurer Behinderung entsprechenden Code bei der Buchung des Tickets (mindestens jedoch 48 Stunden vor dem geplanten Abflug) anzugeben. Es hilft wirklich dabei, die nötige Hilfe zu organisieren und die eigenen Nerven zu schonen.

Ich hoffe, dass euch dieser Artikel bei eurer Flugreise helfen wird und sie so angenehm wie möglich macht.

* Zum Autor: Kamil Kowalewicz – Co-Autor des polnischen Blogs “Wir reisen auf zwei Beinen und vier Rädern” und reist als Tetraplegiker in seinem Rollstuhl sehr gerne um die Welt. Bisher hat er mehr als 15 Länder besucht und plant ständig neue Reisen. Hauptberuflich arbeitet er als Grafikdesigner. Gerne unterstützt er auch öffentliche Einrichtungen und Veranstalter von kulturellen Events bei der Verbesserung der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung.

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