Wir hetzten von einem Ort zum anderen, von einem Termin zum nächsten und doch wächst in unserer hektischen Welt eine Bewegung heran, in der alles wieder langsamer werden soll. Die Rede ist von “Slow Travel”. Aber was ist das eigentlich genau, langsames, entschleunigtes Reisen?

Inspiriert von Carl Honorés Buch In Praise of Slow, zu deutsch Lob der Langsamkeit gründete der Reisebuchautor, Reisejournalist und Fotograf Paul Sullivan Slow Travel Berlin, eine Website, die Leute dazu ermutigen soll, die Stadt fernab der Touristenattraktionen und überlaufenen Plätze, Cafés und Restaurants zu erkunden.

Am Abend vor der Veröffentlichung seines neuen Buches 100 Favourite Places haben wir Paul in seiner Lieblings-Location, einem spanischen Café im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, getroffen und ein gemütliches Gespräch geführt.

Als er 2008 in Berlin ankam, suchte Paul nach einem Projekt, dass ihm dabei helfen würde die Stadt kennenzulernen. Begonnen hat alles mit einem eigenen Blog. Heute, vier Jahre später, tragen mehrere Leute dazu bei Slow Travel Berlin zu einer erfolgreichen Plattform für die Erkundung Berlins zu machen. Mit einem Lächeln erzählt er uns, dass seine Freunde, die von seinem Projekt begeistert sind, gleich mit eingespannt wurden.

Pauls Ziel ist es, den Besuchern seiner Website qualitativ hochwertige Informationen zu liefern und Tipps zu Alternativen zu geben, damit diese auch die verstecktesten Ecken der Stadt entdecken und kennenlernen können und sich wie ein Insider fühlen.

Als ich Paul frage, ob Slow Travel seine Einstellung zur Fotografie verändert hat, bekomme ich ein klares “Ja” zu hören.

”Zeit macht den Unterschied. Zeit entscheidet, ob wir nur an der Oberfläche kratzen, oder tiefer eintauchen; sich mehr Zeit nehmen, mit Leuten reden und Dinge betrachten, bis sie Form annehmen. Ein Konzept, das für jeden Künstler wichtig ist. Es ist auch eine Gegenbewegung zu all den schnelllebigen Dingen, die die ganze Zeit um uns herum entstehen, den Schnappschüssen, die sofort in alle nur erdenklichen sozialen Netzwerke hochgeladen werden und uns nur ein oberflächliches Bild vermitteln.”

An dem Tag, an dem ich mich mit Paul treffe, weht ein frostiger, winterlicher Wind. Ich frage ihn nach der Winterstarre, der Trägheit, die einzusetzten scheint, wenn in Berlin die Tage kürzer werden und was das für Slow Travel bedeutet. Anders als erwartet antwortet Paul, dass seiner Meinung nach, Slow Travel und Winter gut zusammenpassen. Und trotz der Erinnerungen an kalte und nasse Tage, die der Winter in uns weckt, denkt Paul, dass das der Augenblick ist, indem Berlin sich voll entfaltet, und gerät ins Schwärmen über gemütliche Cafés, die ihre ganz eigene Atmosphäre versprühen, Bars, die erst schließen, wenn der letzte Gast seinen letzten Drink geleert hat und Clubs, die rund um die Uhr geöffnet sind, sodass man das ganze Wochenende durchtanzen kann.

Zwei Dinge werden mir klar, während ich mich so mit Paul unterhalte; bei Slow Travel geht es um Zeit und um Leute. Aber ist Slow Travel auch möglich, wenn man nur wenige Tage in einer Stadt oder auf der Durchreise ist? Er glaubt schon, denn es hängt nur davon ab, wie gut man sich im Vorfeld darauf vorbereitet.

Ein Ort, den er immer wieder gerne besucht, ist Island. Seit zehn Jahren reist er jedes Jahr dorthin, denn er schätzt die bodenständige und doch gemütliche Art der Leute dort.

”Die Leute in Island haben ein sehr ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, sie kennen sich alle untereinander. Als ich das letzte mal dort war, saß ich in einem Café. Ein Mann mittleren Alters setzte sich neben mich und fing einfach eine Unterhaltung mit mir an, als wäre es das Normalste auf der Welt.”

Aber ist das nicht normal? Vielleicht in unserer heutigen Zeit nicht mehr. In einer großen Stadt wie Berlin kann es einem passieren, dass man tagelang keine neue Bekanntschaft macht. Paul sagt, dass die Fotografie für ihn ein schönes Mittel ist, um mit fremden Leuten ins Gespräch zu kommen.

”Es gibt so viele Geschichten um mich herum. Ich erinnere mich, dass ich es vor ein paar Jahren faszinierend fand, nachts durch die Straßen zu laufen und in die Wohnzimmer fremder Leute zu gucken. Irgendwie fasziniert es mich noch immer und ich frage mich, wie wohl das Leben anderer Leute ausschaut. Es ist Teil eines Bedürfnisses mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Langsam leeren sich unsere Tassen mit dem portugiesischen Kaffee und es ist an der Zeit, wieder an die frostige Winterluft zu treten. Paul schließt das Gespräch mit einem letzten Kommentar:

”Bei Slow Travel geht es darum, sich auf seine Umgebung einzulassen. Es ist keine goße Wissenschaft, stattdessen ist es ein einfaches Konzept, dass wir mit der Zeit verlernt haben. Und nun müssen wir es mühsam wieder erlernen.”

Das neue Buch 100 Favourite Places ist erhältich auf der Website von Slow Travel Berlin. Ein unkonventioneller, bezaubernder und inspirierender Reiseführer mit wunderschönen Fotos and handgezeichneten Karten. 5% des Verkaufserlös gehen an eine lokale Wohltätigkeitsorganisation in Berlin, also sichert euch schnell euer Exemplar!

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