14. April 2014

“Unpacking Travel” ist unser Wochenrückblick auf die Reisewelt. News zur Reise- und Transportbranche, Reiseblogs und die Beiträge der Reiseredaktionen finden hier noch einmal Beachtung. Unser Wochenrückblick bringt etwas Übersicht in die neusten Trends und Ereignisse rund um die Themen “Transport und Reisen”.

Kalenderwoche 15. Abenteuerromantikkitsch und zwingende Motive. “Warum reist man an einen bestimmten Ort?”, wendet sich der Artikel zum Einstieg an den Leser… und tatsächlich stellte ich mir diese Frage erst vorgestern. Diskursive Vorprägung, Looking-Glass Self, Abhaken informeller To-Do-Listen oder einfacher Determinismus. Präferenzkurven, Kulturkreise und zu viel Alkohol in der Bar. Man kann alles rationalisieren und im Nachhinein erklären, aber während man über sein nächstes Reiseziel nachdenkt, ist die Entscheidung doch schon längst gefallen. Das Gehirn ist langsamer als unser Wille – oder so. Das zwingende Motiv ist aber nicht mehr die Destination, sondern das Innere Exil, hat die TAZ herausgefunden. Zwingende Motive müssen aber auch nicht immer positivistisch formuliert werden. Gründliche Menschen haben einfach genug Ausschlusskriterien um am Ende keine Wahl mehr treffen zu müssen. Wenn man den Reisewarnungen vom Auswärtigen Amt Glauben schenkt und Sicherheit als Ausschlusskriterium nimmt, kann man maximal noch in der Lüneburger Heide spazieren gehen. Aber wie sicher ist beispielsweise Marokko? Schon ganz okey, aber in Marrakesh halte ich die Gefahr, dass man von den 700 Typen, die einem auf dem Djemaa el Fna die Karte ihres maximal austauschbaren Restaurants unter die Nase halten, zu Tode genervt wird, für relativ real. Deshalb ja: Menschenmassen meiden und im Atlasgebirge wandern gehen. Aber andererseits sollte ich mich nicht aufregen und einfach den Rat von Patrick befolgen: negative Menschen müssen draußen bleiben. Die meisten Leute schienen es irgendwie auf diesem Platz in Marokko schön zu finden. Das kann man auch mal akzeptieren. Oder man nimmt Lärmbelästigung als Ausschlusskriterium. Da würde ich dann eher sagen: negative Menschen müssen drinnen bleiben – in ihren schallisolierten Räumen. Für diesen bemitleidenswerten FAZ-Journalisten ist Sicherheit zumindest kein Ausschlusskriterium wenn die Reise umsonst ist.

Für manche Menschen gibt es aber auch recht komische zwingende Motive; sie müssen dann auf einmal dort hin,so die Überschrift der Woche:

Wo die Affen mit Mangos schmeißen

Oder sie müssen mit einem Solarflugzeug um die Welt fliegen, anstatt sich einfach kurz um 180° zu drehen. Manche Reisende müssen ins Ausland um mal wieder Bratwurst zu essen, anstatt einfach mal wieder beim Imbiss um die Ecke einzukehren. Manche Menschen müssen komische Linien auf die Landkarte laufen, anstatt sich in nen Flieger zu setzen, wenn sie nach Frankreich wollen. Manche Menschen müssen sich beweisen, dass sie mehrere Tage über Eisgletscher laufen können, anstatt ne Runde im Stadtpark zu spazieren.

Wenn zwingende Motive umschlagen und zum Zwang motivieren, dass zu tun was niemand möchte und man selbst am wenigsten, um sich zu beweisen dass man es kann, dann kann man sich sicher sein, dass man ein echter Individualtourist ist. “Why not, kann man auch mal machen”, sollte beim Reisenden von heute zum Leitmotiv werden, da man nur mit Randomisierung noch eine Chance hat, seiner eigenen Programmierung zu entkommen. Dementsprechend nochmal zurück zum Autor der zwingenden Motive: ich gratuliere insbesondere zu dem Schuhfoto! In der Wüste im Oman, mit Schnürsenkeln und Socken in der exakt identischen Farbe, ein Foto von diesen machen und in einem Reisebericht unterbringen, der zu bedenken gibt, dass Texte mit Menschen in der Wüste fast unweigerlich zu pathetischem Abenteuerkitsch tendieren – das Foto ist selbstverständlich einerseits ein zwingendes Motiv, aber andererseits auch einfach ein gelungener Kommentar, der zwinkernd zu verstehen gibt: “Ich fühl mich wohl in der Postmoderne, na und?” Und am Ende bleibt die Frage im Raum hängen: wer dekonstruiert hier eigentliche gerade wen oder was?

Dazu passend unpassend das Zitat der Woche:

“Alle Theorien, welchem Horizont sie auch immer entstammen, wie gewaltsam sie auch vorgehen und vorgeben, in eine Immanenz zurückzufinden oder zu einer Beweglichkeit ohne Bezugspunkte […], flottieren und haben nur den Sinn, sich gegenseitig zuzuwinken.”

– Baudrillard, Jean (1982): Der symbolische Tausch und der Tod

Nachtrag: Als ich letzte Woche am Spreeufer saß und meinem Gesprächspartner konspirativ verriet, dass die Kreml-Kriese eigentlich nur ein gemeinsames Projekt von USA und Russland sei um neue Absatzmärkte für Individualtouristen zu schaffen, war das eigentlich ein Witz. Am Folgetag begrüßt mich dann dieser Artikel.

 

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