Zu Fuß durch Europa – Das Walking Home Projekt

Alleine als Frau durch Europa, zu Fuß, ohne zu wissen ob man abends eine Unterkunft findet  – Interview mit Carola von Travel-B über ihre Walking Home Tour. Carola verrät was sie dazu bewog reisen zu gehen und was hinter dem Walking Home Projekt steckt.

Du schreibst auf deinem Blog, dass du mit 21 bereits eine Rentenversicherung abgeschlossen hast und ein extrem sicherheitsbezogener Mensch warst. Jetzt begibts du dich als Reisebloggerin ständig in ungewisse Situationen. Was ist passiert?

Ich bin erwachsen geworden – in die andere Richtung. Ich war überzeugt davon, dass ich ein „normales“ Leben aufbauen muss, eine Familie gründen, ein Haus bauen und Pauschalurlaub machen. Danach habe ich mir auch meine Jobs und meine Lebensphilosophie ausgewählt.

Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich gerade bei ONE, eine NGO die sich aktiv für das Ende von extremer Armut in Afrika einsetzt. Dadurch kam ich zum ersten Mal nach Afrika. Meine Erfahrungen dort waren ganz anders als alles was ich bis zu diesem Zeitpunkt kennengelernt hatte. Ich war sehr interessiert an diesem Kontinent und wollte ihn unbedingt näher kennenlernen.

Das Gefühl wuchs immer mehr in mir meine Arbeit zu beenden und Backpacken zu gehen. Deshalb habe ich mich kurzer Hand dafür entschieden meine Arbeit zu kündigen und 10 Monate mit dem Rucksack durch Afrika zu reisen.

Carola im interview - zu Fuß durch Europa

Foto von Hayley Price

Wow! Also eine 180 Grad Drehung – Wie bist durch Afrika gereist?

Ich bin nur über Land gereist, mit Truck, Bussen, Booten, Zügen, Minibussen, Taxis – dann schon mal mit 5 – 7 Menschen in einem kleinen Auto. Quer durch das Land, von Gibralta die Westküste entlang bis Südafrika und dann die Ostküste wieder hoch und über Ägypten in die Türkei, von da wieder zurück nach Europa.

Wie hat dich deine Afrika Reise verändert? 

Ich bin zurückgekommen und dachte ich habe meine Abenteuerlust erst mal für längere Zeit gestillt und kann wieder zurück in mein “normales” Leben. Ich fand mich auch schnell wieder in Deutschland ein, aber die Reiselust lies mich nicht mehr los. Ich hatte „Blut geleckt“.

Deshalb habe ich nach meiner Rückkehr relativ schnell alles daran gesetzt herauszufinden wie ich Reisen zu meinem Beruf machen kann, ohne mich dabei zu sehr zu verbiegen.

Carola Bieniek - Afrika zu Fuß durch Europa

Foto von Carola Bieniek

Wie hast du dafür recherchiert? 

Ich habe hauptsächlich im Internet recherchiert, wie ich diesen Traum Wirklichkeit werden lassen kann und bin dann auf die zahlreichen Reiseblogs gestoßen. So konnte ich eine guten Überblick gewinnen, wie andere das machen. Dadurch habe ich dann relativ schnell festgestellt was ich möchte und vor allem was ich nicht möchte.

Und was möchtest du mit deinem Reiseblog?

Ich möchte nicht zu denen gehören die anderen Leuten immer nur erzählen wie leicht es ist zu reisen, sondern ich will den Leuten Geschichten erzählen und sie ermutigen auch abenteuerliche Reisen zu wagen.

Vor allem Frauen werden noch zu wenig ermutigt einfach mal etwas auszuprobieren und eben nicht zu sagen: „ah, da kann ich nicht hin, weil eine Frau bin!“ oder „oh dort kann ich nicht hinreisen weil ich blond bin“ oder „das kann ich nicht weil ich kann ja keinen Rucksack tragen“ und so weiter.

Deshalb hab ich mit dem Bloggen angefangen und möchte Reisen und meine Erfahrungen mitteilen. Als ein Sprachrohr für die Außenwelt. Für Tipps und Geschichten und um die weibliche Stimme stärker in der Reisewelt hervorzuheben, um die Klischees von Frauen auf Reisen aufzubrechen und eine weitere Perspektive hinzufügen.

Soll es bei dem Blog bleiben oder möchtest du auch über andere Kanäle deine Message kommunizieren?

Mein großer Traum für meine Geschichten auf meinem Blog ist es, DAS Reisebuch zu schreiben, aber nicht eine Ansammlung an Blogartikeln sondern viel mehr eine spannende Geschichte, die fast schon in Richtung eines Romans geht.

Kannst du dir Vorstellen jemals zurück zu einem regulären Bürojob zu gehen?

Nein – dieses Kapitel habe ich abgeschlossen. Ich bin ausgebildete Projekmanagerin und kann mir gut vorstellen Projekte auf eine bestimmte Zeit anzunehmen und für ein halbes Jahr zu betreuen, aber ich kann mir nicht Vorstellen irgendwo wieder fest angestellt zu sein. Ich möchte nicht in einen Alltagstrott zurückfallen.

carola walking - zu Fuß durch Europa

Foto von Hayley Price

Aber nun zum eigentlichen Thema, dein Walking Home Projekt, 200 Tage – 4000 Kilometer quer durch Deutschland nach Frankreich! Wie kommt man auf diese nicht ganz so gewöhnliche Idee?

Wenn man eine längere Reise plant muss man sich immer genau überlegen, was möchte ich auf meiner Reise erleben? Für mich waren es zwei Sachen: zum einen möchte ich Französisch lernen und zum anderen möchte ich wenig Geld ausgeben.

Dann kommt man relativ schnell auf die Idee:

Ich sollte mich längere Zeit in teilen Frankreichs aufhalten, wo man die Sprache sprechen muss und wo die Leute nicht auf Englisch ausweichen können. Wenig Geld ausgeben bedeutet ich benutze meine Füße… meine Füße sind kostenlos.

Wie hast Du dir diese Route ausgewählt?

Ich bezeichne meine Planung gerne als organisiertes Chaos. Einerseits habe ich bestimmte Sachen die ich sehr akribisch recherchiere, aber ich habe mich nicht so ins Detail vorbereitet dass ich wirklich in jeder dieser 200 Nächte genau weiß wo ich sein werde. Ich hab die Route einmal grob ausgemessen aber ich bin auch sehr offen für Änderungen.

Man macht sich natürlich vorher Gedanken was man erleben möchte. Ich würde zum Beispiel gern in Frankreich bei der Weinernte dabei sein und arbeite bei meiner Wanderung darauf hin. Aber ich möchte mir die Möglichkeit auf Spontanität offen halten, um auch ganz den Moment genießen zu können. Das ist das schöne am langsamen Reisen. Ich bleibe einfach mal 3 Wochen an einem Ort, dafür muss ich danach mal 2 Wochen durchlaufen. Deshalb auch die 200 Tage.

Walking Home Tour - zu Fuß durch EuropaWarum gerade „home“?

Im deutschen benutze ich dafür immer die Übersetzung „zu Hause.“ Der Gedanke dazu kam mir bereits während meiner Afrika-Rundreise. Als ich zwei Extreme kennen gelernt hatte, zum einen Leute die ständig auf Reisen sind und durch die ganze Welt pilgern und zum anderen Leute, für die in die nächste Großstadt zu reisen immer nur ein Traum bleiben wird. Spricht man mit diesen Menschen, ergeben sich sehr unterschiedliche Interpretationen von “zu Hause”.

Diese Begegnungen haben mich dazu gebracht für mich selbst zu überlegen, was ist “zu Hause” für mich? Familie? Wohnung? Berlin ist definitiv meine Heimat aber wo ist mein zu Hause? Auf meine Walking Home Tour möchte ich eben genau das herausfinden. Was definiert “zu Hause” für mich?

Wo wirst du Übernachten? Nimmst du ein Zelt mit?

Ich bin schon seit längerem von der Idee des Couchsurfings begeistert. Und mich hat es traurig gestimmt, das ich viele Berichte gelesen habe von Leuten die durch Europa fuhren und keinen Erfolg damit hatten. „Keiner lässt mich rein – alle sind so verschlossen”. Ich habe mir Gedacht, das kann doch nicht sein.

Mich hat das gleiche Gefühl wie damals vor meiner Tour durch Afrika gepackt, wo viele Leute behaupteten: Backpacking durch Afrika – das geht doch nicht. Wo ich dann sage, doch das geht! Deshalb möchte ich das auch beim Walking Home Projekt machen. Ich klopfe an Türen mit der Frage: Habt ihr ein Dach? Habt ihr ein Gästezimmer? Und hoffe dann mit den Leuten auch ins Gespräch zu kommen.

Zum Schlafen habe ich ein kleines Feldbett, das wiegt nicht viel mehr als ein Kilo. Die Technik macht es möglich. Das kann ich auch Notfalls unter einer Brücke aufbauen. Das hilft mir auch bei meinem Couchsurfing, da ich nicht unbedingt ein Bett brauche sondern mir auch ein einfaches Dach ausreicht. Das kann dann auch eine Scheune sein oder das Vordach an der Veranda.

Ich bin aber durchaus realistisch und weiß das es nicht jedesmal funktionieren wird, aber wenn ich jede fünfte bis sechste Nacht ein Dach über dem Kopf habe, bin ich schon glücklich.

Carola Bieniek - Feldbett - zu Fuß durch Europa

Foto von Carola Bieniek

Wie finanzierst du deine Reise? 

Ich arbeite momentan noch als Freelancer an kleineren Projekten und habe gespart um für das nächste halbe Jahr nicht arbeiten zu müssen. Ich habe auch versucht über eine südafrikanische Crowdfunding Plattform Unterstützung zu bekommen, aber leider ist diese noch nicht sehr erfolgreich und somit war mein Erfolg auf dieser Plattform noch limitiert. Ich habe es aber mehr als Möglichkeit gesehen Aufmerksamkeit für mein Projekt und für die Plattform zu kreieren.

Wie viel Kosten hast du eingeplant für deine Reise?

Ich habe 1.500 Euro ausgegeben um mir mein Equipment für die Reise zusammenzustellen. Dann 300 Euro im Monat um laufende Kosten zu decken, darunter ist beispielsweise auch eine Krankenversicherung und meine private Rentenversicherung und mein Telefon. Dann kalkuliere ich 300 Euro im Monat an Essen und Kleinigkeiten ein und ab und zu auch eine Übernachtung. Natürlich hab ich ein bisschen mehr als das um einen Puffer zu behalten.

Hast du dich auch physisch auf die Reise vorbereitet?

Nicht wirklich. Ich denke ich werde meine körperlichen Grenzen entdecken. Ich bin jemand der immer schon gerne gelaufen ist, sobald sich eine Möglichkeit für mich ergeben hat. Gerade in der Stadt lauft ich lieber zwei Busstation, als darauf zu warten mitgenommen zu werden. So gesehen habe ich ein gewisses Training. Aber ich habe mich nicht speziell körperlich darauf vorbereitet.

Ich sehe es dann eher umgekehrt, dass ich versuche nicht mein Gepäck zu groß zu machen sondern eher das Gepäck gering zu halten. Wanderstöcke einzupacken, bequeme Schuhe zu nehmen und mich am Anfang nicht zu überanstrengen. Ein Schritt nach dem anderen. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich nach dem Ende dieser 4000 Kilometer sehr fit sein werde.

Was nimmst du mit?

Ich habe einen Rucksack, ich werde alles auf dem Rücken tragen und habe daher sehr bewusst gepackt. Es gibt bestimmte Sachen auf die man nicht verzichten kann. Verknüpft mit meinem Blog sind das natürlich ein Tablet PC mit externer Tastatur und eine Kompaktkamera, um das Gewicht gering zu halten. Ich nehme nur die notwendigste Kleidung mit und beherzige dabei die “Dreier Regel”. Eins wird getragen, eins ist für die Nacht und eins ist nass.  Ich hab momentan tatsächlich noch ein Kleid dabei, ich muss aber mal schauen ob ich es nicht doch noch raus nehme… der Vernunft wegen.

Auch was Drogerie-Artikel und Medikamente angeht, habe ich in Afrika gelernt, dass man viele Sachen erstaunlicher Weise vor Ort kaufen kann.

Planst Du Begleiter auf deiner Reise zu haben? Oder möchtest Du alles alleine bestreiten?

Ich bin da komplett offen. Wer Interesse hat kann gerne auf meiner Website nachlesen wo ich mich gerade befinde. Man kann mich erreichen und immer sagen, ich hab Lust mitzulaufen. Andererseits muss ich auch sagen, wenn man zu zweit bei fremden Menschen auftaucht, wird es schwieriger eine Unterkunft zu bekommen. Aber grundlegend bin ich da absolut offen. Denn genau diese Art der Begegnungen, die ganz unerwartet auf einen zu kommen sind für mich die spannendsten.

Wie dokumentierst Du deine Reise? Wo kann man das verfolgen?

Facebook, Twitter und auf meinem Blog natürlich, gerade dort möchte ich die Geschichten erzählen die mir auf dem Weg begegnen. Darüber können Leute auch mit mir in Kontakt treten. Es kann dann zwar zwei oder drei Tage dauern bis ich Antworte, aber der Kontakt nach außen ist mir sehr wichtig. Ich suche auch Leute die über ihre eigenen Ideen was für sie “zu Hause” bedeutet, schreiben.

Carola Bieniek - zu Fuß durch Europa

Foto von Carola Bieniek

Wie planst Du mit der Sauberkeit / Hygiene umzugehen? Hast du für dies auch besondere Vorbereitungen getroffen?

Wenn ich den Tipp geben darf, für mich hat sich meine Periode sehr geändert als ich mir eine Spirale geholt hab. Ich benutze auch statt Tampons ein Ruby Cup. Man muss dadurch nicht ständig suchen wo man Tampons etc. herbekommt. Den Cup kann man einfach auswaschen und wiederholt benutzen.

Bezüglich des Duschen, hab ich einfach nur ein Shampoo mit, dass gleichzeitig auch Duschgel und Waschmittel ist. Leider kein Make-Up – aber einen Lippenstift gibt es.

Was ist deine Reisphilosophie? Dein persönliches Mantra zum Reisen?

Mein allgemeines Mantra, hab ich auch auf meinem Arm tätowiert, „Nothing is either good or bad, just thinking makes it so“. Also im Leben ist nichts nur schwarz oder weiß –  das sind einfach deine Gedanken die dies Formen. Mit der Philosophie begebe ich mich auch auf meine Reise, nach dem Motto: schauen was passiert und nicht schon vorher mit einem Urteil reingehen.

Liebe Carola vielen Dank für das Interview, es hat Spaß gemacht mit dir bei einem Kaffee zu plaudern und ich freu mich auf deine Berichte von deiner Walking Home Tour!

Verfolgt Carolas Reise zu Fuß durch Europa auf ihrem Blog und trefft sie auf dem Weg oder schreibt ihr eure Kommentare!

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